Von:
Susanne Breit-Keßler

e-allmacht.de

Allmacht Gottes? Kaum ein Text hat mich je so angerührt wie „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ des jüdischen Philosophen und Theologen Hans Jonas. Er ersinnt einen Mythos, nach dem Gott sich „dem Zufall, dem Wagnis und der endlosen Mannigfaltigkeit des Werdens anheimgegeben“ hat. Ganz und gar: Gott gibt sich hinein in die Welt, liefert sich aus, mischt sich nicht ein und schenkt dadurch alle Möglichkeiten, zu sein. Gott, so Jonas, leidet mit der Schöpfung, er ist direkt betroffen von dem, was geschieht. Er sorgt sich – nicht als „Zauberer“, der eingreift, wann es ihm passt, sondern als einer, der seine Sorgen auch von anderen abhängig macht, denen er so vieles zu tun gelassen hat.

Er ist ein „gefährdeter Gott, ein Gott mit eigenem Risiko“. Allmächtig ist er nicht, denn Allmacht kann nicht erlauben, dass andere frei sind und sich eigenständig entscheiden. Hans Jonas gipfelt in der Aussage, dass Gott auf jede Macht der Einmischung verzichtet und „dem Aufprall des weltlichen Geschehens auf sein eigenes Sein mit eindringlich-stummen Werben“ antwortet. Der Selbstverneinung Gottes schuldet alle Kreatur ihr Dasein – es ist am Menschen, Gott zu geben und darauf zu schauen, dass es „Gott um das Werdenlassen der Welt nicht gereuen muss“. Jonas braucht Jesus für seinen Mythos nicht. Für mich gehört Jesus zur Geschichte Gottes dazu.

Der faszinierende Hymnus im Philipperbrief des Neuen Testamentes erzählt, dass der, „der in göttlicher Gestalt war, das Gott-gleich-sein nicht ausbeutete, sondern er entäußerte sich, nahm die Gestalt eines Knechts an, ward den Menschen gleich...“ Selbstherrlich in Verkennung der eigenen Ganzheit zu leben, andere abzuwerten und zu unterjochen, ist nicht göttlich, sondern unmenschlich. Eines schöpferischen Menschen würdig ist, sein gottgegebenes Dasein und seine Umwelt positiv zu gestalten, sich darum zu bemühen, sie zu erhalten und weiter zu entwickeln. Dafür spricht das beredte Werben des menschgewordenen Gottes. Gott ist allmächtig, aber es ist seine Allmacht der Liebe, die zärtlich wirkt und Freiheit möglich macht.